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HaushaltsSteuerung.de » Weblog » Primärüberschüsse bzw. Primärdefizite der EU-Länder im Vergleich

Primärüberschüsse bzw. Primärdefizite der EU-Länder im Vergleich
22. Februar 2015  |  Autor: Andreas Burth



Im Rahmen der aktuellen Diskussionen um die EU-Staatsfinanzen - und hier v.a. im Kontext der Staatsschuldenkrise in Griechenland - fällt regelmäßig der Begriff des Primärüberschusses bzw. des Primärdefizits (allgemein: Primärsaldo). Vergleichszahlen zu den 28 EU-Mitgliedsstaaten sind indes in der Berichterstattung eher selten anzutreffen. Der vorliegende Blog-Eintrag zielt darauf ab, derartige Vergleichsdaten für das derzeit aktuellste, statistisch vorliegende Jahr (hier: 2013) bereitzustellen. Ergänzend wird für ausgewählte EU-Staaten eine Zeitraumbetrachtung (hier: 2006 bis 2013) durchgeführt. Als Datengrundlage fungieren Eurostat-Statistiken vom 20.2.2015.

Überblick:
- Begriff und Bedeutung des Primärüberschusses/Primärdefizits
- Primärüberschuss/Primärdefizit 2013 im EU-Vergleich
- Primärüberschüsse/Primärdefizite ausgewählter EU-Staaten im Zeitablauf
- Weitere Informationen



Begriff und Bedeutung des Primärüberschusses/Primärdefizits

Der Primärüberschuss bzw. das Primärdefizit (engl. "primary surplus" bzw. "primary deficit") errechnet sich aus den von Eurostat publizierten Daten, indem vom
Überschuss bzw. Defizit nach Maastricht-Vertrag (engl. "net lending/borrowing") die Zinsausgaben (engl. "interest payable") heraus gerechnet werden. Die Herausrechnung der Zinsausgaben geschieht, indem die Zinsausgaben zu dem Überschuss bzw. Defizit nach Maastricht-Vertrag hinzuaddiert werden. Hintergrund ist, dass die Zinsausgaben im Überschuss bzw. Defizit nach Maastricht-Vertrag bereits enthalten sind und hierin als Ausgabeposition negativ erfasst worden sind. Das Hinzuaddieren der Zinsausgaben neutralisiert diese Position.

Berechnung: Primärüberschuss/Primärdefizit (allgemeine Formel)

Der Primärsaldo ist eine wichtige Kenngröße zur Beurteilung der Finanzlage eines Staates. Grundidee des Primärsaldos ist es dabei, dass die Leistung von Zinszahlungen für aufgelaufene Schulden nicht zu den Kernaufgaben eines Staates zählt. Daher werden die Zinsausgaben aus dem Saldo eliminiert. Im Ergebnis zeigt der Primärsaldo an, ob die Staatseinnahmen in ihrer Höhe genügen, um die Staatsausgaben für die Erfüllung der staatlichen Kernaufgaben (innere Sicherheit, äußere Sicherheit, Bildung, Forschung, Soziales etc.) komplett zu decken. Ist der Primärsaldo negativ (Primärdefizit), so reichen die Einnahmen nicht aus, um die Ausgaben für die Kernaufgaben zu finanzieren. Ist er positiv (Primärüberschuss), nimmt der Staat mehr ein als er zur Erfüllung der Kernaufgaben bräuchte.

Zur Interpretation des Primärsaldos ist indes zusätzlich die Staatsverschuldung zu berücksichtigen. Hätte ein Staat keinerlei (verzinsliche) Schulden, würde diesem Staat ein ausgeglichener Primärsaldo genügen. Im Fall der Schuldenfreiheit entspricht der Primärsaldo dem Überschuss/Defizit nach Maastricht-Vertrag. Ist ein Staat indes verschuldet (was heute der Regelfall ist), hat selbiger Primärüberschüsse zu erwirtschaften, um das Wachstum der Staatsverschuldung zu stoppen. Genau genommen muss der Primärüberschuss größer sein als die Zinsausgaben, um eine Rückführung der Staatsschulden zu ermöglichen.

Das oben beschriebene und auch in den Analysen des vorliegenden Blog-Eintrags verwendete Begriffsverständnis des Primärsaldos ist diejenige Abgrenzung, die üblicherweise in statistischen Analysen zu den EU-Staatsfinanzen genutzt wird. Auch Eurostat verwendet i.d.R. diese Abgrenzung. Zu beachten ist allerdings, dass es sich hierbei nicht um die einzige Definition des Begriffs "Primärsaldo" handelt. So nutzt die aus Europäischer Zentralbank (EZB), Internationalem Währungsfonds (IWF) und Europäischer Kommission bestehende Troika (inzwischen auch als "Die Institutionen" bezeichnet) z.B. für Griechenland eine andere, landesspezifische Definition.

Der (modifizierte) Primärsaldo gemäß Troika-Abgrenzung kann in einer erheblichen Größenordnung vom Primärsaldo nach statistischer Abgrenzung abweichen: Während sich z.B. für 2013 auf Basis der jüngsten Eurostat-Statistik ein griechisches Primärdefizit von etwa -8,2 Prozent des BIP bzw. -15 Mrd. Euro errechnen lässt (siehe Tabelle im folgenden Abschnitt), veröffentlichte die Europäische Kommission am 1.9.2014 eine Grafik, die Griechenland einen Primärüberschuss in Höhe von rund 0,8 Prozent des BIP bzw. 1,5 Mrd. Euro zuweist (Link siehe unten). Die Differenz zwischen den beiden Primärsaldo-Abgrenzungen liegt für 2013 folglich bei ca. 9 Prozent des BIP bzw. 16,5 Mrd. Euro.

» Graph of the week: Greece's fiscal performance 2009-2013
    Hrsg.: Europäische Kommission

Besagter Unterschied im Jahr 2013 erklärt sich durch die folgenden, landes-/programmspezifisch vorgenommenen Anpassungen:
  • Erlöse aus Privatisierungen (-)
  • Zahlungen zur Unterstützung des Bankensystems (+)
  • Kosten zur Abwicklung von Steuerrückzahlungen von vor Oktober 2012 (+)
  • Anpassungen in der buchhalterischen Behandlung der Public Power Corporation (PPC) Vermögensteuer (+)
  • ANFA & SMP Transferzahlungen (-)
  • Greek Loan Facility (GLF) Kostenreduktion (-)
Das (+) zeigt, dass die betreffende Anpassung im Jahr 2013 den Troika-Primärsaldo (im Vergleich zum statistischen Primärsaldo) positiv verändert hat. Umgekehrt zeigt das (-), dass die entsprechende Anpassung einen negativen Einfluss auf den Troika-Primärsaldo (im Vergleich zum statistischen Primärsaldo) hatte. Die bedeutendste Anpassung im Jahr 2013 entfällt auf die Zahlungen zur Unterstützung des Bankensystems. Diese Anpassung erklärt bei Griechenland den weit überwiegenden Teil des Unterschieds zwischen den beiden Primärsaldo-Abgrenzungen.

Weitere allgemeine Erläuterungen und Details zu den Anpassungen im Rahmen der Troika-Abgrenzung finden Sie in folgender PDF-Datei auf den Seiten 265 ff. Konkrete Daten zur Überleitungsrechnung der beiden Primärsaldo-Abgrenzungen für 2013 finden Sie auf Seite 22. Die statistische Abgrenzung des Primärsaldos wird hierin als "ESA primary balance" bezeichnet. Die Troika-Abgrenzung heißt "programme primary balance" oder "modified general government primary cash balance" (MGGPCB).

» The Second Economic Adjustment Programme for Greece - Fourth Review - April 2014
    Hrsg.: Europäische Kommission



Primärüberschuss/Primärdefizit 2013 im EU-Vergleich

Folgende Tabelle enthält für die 28 EU-Staaten Daten zum Primärsaldo nach statistischer Abgrenzung. Ergänzend ausgewiesen sind auch Daten zu den EU-28 (Summe der 28 EU-Mitglieder zum 1.1.2015) und den Euro-19 (Summe der 19 Mitglieder der Eurozone zum 1.1.2015). In der Tabelle sind Primärüberschüsse grün und Primärdefizite rot hervorgehoben.

Insgesamt weisen nur elf der 28 EU-Staaten einen Primärüberschuss aus. 17 EU-Staaten sowie die Summe der EU-28 und Euro-19 sind im Primärsaldo defizitär. In ihrem Durchschnitt haben die Mitglieder des Eurosystems indes geringere Primärdefizite als die EU-Staaten, die nicht Mitglied der Eurozone sind.

Die höchsten Primärüberschüsse haben mit jeweils rund zwei Prozent des nominalen BIP Deutschland, Ungarn und Italien. Die höchsten Primärdefizite hatten 2013 Slowenien (-12,02 Prozent des BIP) und Griechenland (-8,21 Prozent des BIP). Bei den Pro-Kopf-Primärüberschüssen erreicht Luxemburg den höchsten Wert (869,78 Euro je Einwohner) - gefolgt von Deutschland (748,94 Euro je Einwohner). Die höchsten Pro-Kopf-Primärdefizite haben erneut Slowenien (-2.107,63 Euro je Einwohner) und Griechenland (-1.363,28 Euro je Einwohner), wobei hier auch das Vereinigte Königreich mit -910,88 Euro je Einwohner einen ausgesprochen hohen Wert erreicht.

Berechnung des Primärüberschusses (+) bzw. Primärdefizits (-) für die EU-Staaten 2013



Primärüberschüsse/Primärdefizite ausgewählter EU-Staaten im Zeitablauf

Ergänzend zu einer isolierten Betrachtung des Jahres 2013 bietet es sich an, eine Zeitraumbetrachtung durchzuführen, um Veränderungen im Zeitablauf erkennen zu können. In Anbetracht von insgesamt 28 EU-Staaten erscheint es aus Gründen der Übersichtlichkeit jedoch unzweckmäßig, für jeden einzelnen Staat eine solche Analyse durchzuführen. Die Analyse beschränkt sich daher auf sieben EU-Staaten: Dies sind zunächst die fünf größten und zugleich einwohnerstärksten Volkswirtschaften der EU (Deutschland, Frankreich, Vereinigtes Königreich, Italien, Spanien). Darüber hinaus wird aus aktuellem Anlass Griechenland untersucht. Da HaushaltsSteuerung.de ein Fachportal mit deutschsprachiger Zielgruppe ist, wird zusätzlich auch Österreich in die Analyse einbezogen. Die einzelnen Abbildungen zeigen die Entwicklung des Primärsaldo im Zeitraum 2006 bis 2013 unter Gegenüberstellung der Zinsausgaben (jeweils in Mrd. Euro).

Deutschland ist das einzige der hier untersuchten EU-Länder, das sowohl vor als auch nach der Finanz- und Wirtschaftskrise mindestens ein Jahr mit Primärüberschüssen ausweist, die höher sind als die Zinsausgaben. Insgesamt sind für Deutschland nur zwei Jahre mit Primärdefiziten zu beobachten (2009 und 2010). Bereits 2011 sind wieder deutliche Primärüberschüsse generiert worden. Dies verdeutlich, dass sich die deutschen Staatsfinanzen wieder vergleichsweise schnell von den Krisenjahren erholt haben. Die Zinsausgaben Deutschlands sind im Zeitablauf tendenziell gesunken (trotz eines inzwischen höheren Schuldenstandes als vor der Krise). Ein wesentlicher Grund ist das aktuell niedrige Zinsniveau, das öffentliche Körperschaften in Deutschland für aufgenommene Schulden entrichten müssen.

Vergleich der Entwicklung des Primärüberschusses (+) bzw. Primärdefizits (-) und der Zinsausgaben von Deutschland im Zeitraum 2006 bis 2013 (in Mrd. Euro)

Frankreich konnte in den Jahren vor der Finanz- und Wirtschaftskrise noch leichte Primärüberschüsse erwirtschaften. Mit dem Eintritt der Krise haben sich die Primärüberschüsse indes in Primärdefizite von rund -90 Mrd. Euro umgewandelt (2009 und 2010). Auch in den Jahren 2011 bis 2013 werden in der Statistik erhebliche Primärdefizite berichtet. In der Tendenz nimmt die Höhe der Primärdefizite ab.

Vergleich der Entwicklung des Primärüberschusses (+) bzw. Primärdefizits (-) und der Zinsausgaben von Frankreich im Zeitraum 2006 bis 2013 (in Mrd. Euro)

Für Griechenland ist in keinem Jahr ein Primärüberschuss zu beobachten. Durch die Krise hat sich das Primärdefizit noch einmal deutlich vergrößert. In den Jahren nach 2009 trat indes eine deutliche Verbesserung der Finanzlage ein. Gleichwohl brach der griechische Primärsaldo 2013 wieder deutlich ein. Die jährlichen Zinsausgaben sind bis 2011 stetig gestiegen. Infolge der Rettungsmaßnahmen für Griechenland ist in den Folgejahren allerdings ein erheblicher Rückgang der Zinsbelastung Griechenlands zu beobachten. Im Jahr 2011 waren die Zinsausgaben mehr als doppelt so hoch wie 2013.

Vergleich der Entwicklung des Primärüberschusses (+) bzw. Primärdefizits (-) und der Zinsausgaben von Griechenland im Zeitraum 2006 bis 2013 (in Mrd. Euro)

Eine sehr interessante Entwicklung zeigt sich in Italien. So zählt Italien bereits seit vielen Jahren zu den am höchsten verschuldeten EU-Staaten und wird auch immer wieder der Gruppe der europäischen Krisenstaaten zugerechnet. Beim Blick auf den Primärsaldo zeigt sich allerdings ein positiveres Bild: In der Statistik wird für Italien nur im Krisenjahr 2009 ein Primärdefizit nachgewiesen. In allen übrigen Jahren werden z.T. sehr deutliche Primärüberschüsse berichtet. Italien generierte demzufolge in (fast) jedem Jahr genügend Einnahmen, um die Ausgaben für Kernaufgaben zu decken. Gleichwohl reichen die Primärüberschüsse in keinem der Jahre aus, um die Zinsausgaben vollständig zu decken.

Vergleich der Entwicklung des Primärüberschusses (+) bzw. Primärdefizits (-) und der Zinsausgaben von Italien im Zeitraum 2006 bis 2013 (in Mrd. Euro)

Österreich hat, wie aus Abbildung 5 ersichtlich wird, in keinem der betrachteten Jahre einen Primärüberschuss erwirtschaften können, der ausreichte, um die Zinsausgaben vollständig zu decken. Primärdefizite sind in den Jahren 2009 und 2010 erwirtschaftet worden. Die jährlichen Zinsausgaben Österreichs sind im Zeitablauf relativ konstant geblieben (mit leicht sinkender Tendenz seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise).

Vergleich der Entwicklung des Primärüberschusses (+) bzw. Primärdefizits (-) und der Zinsausgaben von Österreich im Zeitraum 2006 bis 2013 (in Mrd. Euro)

Für Spanien zeigt Abbildung 6, dass in den Jahren 2006 und 2007 die Primärüberschüsse ausreichten, um die Zinsausgaben vollständig zu decken. Mit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise brach der Primärsaldo indes deutlich ein. In der Folge sind jedes Jahr merkliche Primärdefizite erwirtschaftet worden, wenngleich in den Jahren nach 2009 eine Verbesserungstendenz zu beobachten ist. Die jährlichen Zinsausgaben haben sich im Betrachtungszeitraum mehr als verdoppelt.

Vergleich der Entwicklung des Primärüberschusses (+) bzw. Primärdefizits (-) und der Zinsausgaben von Spanien im Zeitraum 2006 bis 2013 (in Mrd. Euro)

Das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland wies im kompletten Betrachtungszeitraum in keinem Jahr einen Primärüberschuss aus, d.h. die Staatseinnahmen genügten in keinem Jahr, um die Ausgaben für Kernaufgaben zu decken. Auch im Vereinigten Königreich trat mit Eintritt der Finanz- und Wirtschaftskrise eine merkliche Verschlechterung des Primärsaldos ein. Im Jahr 2013 hatte der (negative) Primärsaldo noch nicht wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

Vergleich der Entwicklung des Primärüberschusses (+) bzw. Primärdefizits (-) und der Zinsausgaben des Vereinigtes Königreichs Großbritannien und Nordirland im Zeitraum 2006 bis 2013 (in Mrd. Euro)



Weitere Informationen

Ergänzende Informationen zur Höhe der Staatsschulden, der Staatsdefizite und der Zinsausgaben der Mitglieder der Europäischen Union finden Sie unter nachfolgenden Seiten.

» Schuldenuhren der EU-Mitgliedsstaaten
    Hrsg.: HaushaltsSteuerung.de

» Staatsverschuldung und Staatsdefizite in der EU
    Hrsg.: HaushaltsSteuerung.de

» Zinsuhren zu den Zinsausgaben von Deutschland und Österreich
    Hrsg.: HaushaltsSteuerung.de





©  Andreas Burth, Marc Gnädinger